Kleiner Mann ganz groß

-Auszug-

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Karl saß noch nicht lange auf seinem Platz. Der Bus war soeben in die Regentenstraße abgebogen und holperte nun über die Pflastersteine in Richtung Marktplatz. Er kannte die Strecke im Schlaf. Er pflegte auch nicht aufzublicken, wenn neue Fahrgäste zustiegen. Dafür war er viel zu sehr in seine Zeitung vertieft. Unbewusst registrierte Karl das Zischen der zufallenden Tür. Noch zwei Stationen bis zu seiner Haltestelle.

„Is’ der Platz noch frei, Opa?“

Die Stimme war so laut, dass Karl irritiert hochblickte. Vor ihm stand ein junger, ungepflegter Mann mit schmuddeliger Lederjacke und fettigen Haaren. Er kaute auf einem Kaugummi herum und grinste Karl herausfordernd an.

„Der Bus ist doch fast leer“, wollte Karl sagen, aber da hatte sich der Typ schon hingesetzt, direkt ihm gegenüber, so dass ihre Knie sich beinahe berührten. Karl fühlte sich unbehaglich. Er spürte, dass der andere ihn beobachtete, obwohl er mit gesenktem Kopf auf die schwarzen Lettern starrte. Sein Mund war trocken, die Zunge klebte am Gaumen. Außer Karl saßen noch zwei ältere Herren und ein junges Mädchen im Bus. Sonst niemand.

„Wat lieste denn da, Opachen?“

Karl senkte seinen Kopf noch tiefer. Am liebsten hätte er sich in die Zeitung verkrochen. Was wollte der Fremde von ihm? Konnte er ihn nicht in Ruhe lassen? „Bismarckstraße!“

Die Stimme des Busfahrers riss ihn aus seinen Gedanken. Noch eine Station bis zu seiner Haltestelle. Die Tür öffnete sich, und die letzten Fahrgäste stiegen aus. Nur der Typ blieb sitzen, widerlich grinsend auf seinem Kaugummi kauend.