Eine wundersame Begegnung

-Auszug-

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Über Nacht hatte es wieder geschneit. Fatemeh stapfte durch die unberührte, weiße Pracht und erfreute sich an den Spuren, die ihre Schuhe im Schnee hinterließen. Sie bog in den schmalen, von hohen Mauern umsäumten Weg ein und hauchte ihren Atem in die klirrend kalte Winterluft. Das Bächlein, das sie an wärmeren Tagen plätschernd begleitete, war zu Eis gefroren und still.

Es war sehr früh an diesem Morgen. Noch vor dem ersten Hahnenschrei war Fatemeh aufgestanden, hatte sich angezogen und beinahe lautlos aus dem Haus geschlichen. Niemand sollte ihren kleinen Ausflug bemerken. Die Menschen hinter den hohen Mauern aus Lehm schliefen, ebenso ihre Eltern und ihr kleiner Bruder, der in seiner Wiege unter einer weichen, warmen Daunendecke schlummerte. Ihr war, als habe er sie unter seinen halb geschlossenen Augen angesehen und gelächelt.

Fatemeh setzte ihren Weg fort. An diesem frühen Wintermorgen fühlte sie sich leicht wie eine Schneeflocke und glücklich. Eine ganze Woche hatte sie das Fieber ans Bett gefesselt. Weder hatte sie ihrer Mutter in der Küche noch bei der Pflege ihres Brüderchens helfen können. Doch jetzt war sie gesund und kräftig. Am Ende des Weges bog sie nach links – und blieb stehen.

Einen Schneeballwurf von ihr entfernt stand er groß und erhaben in der Winterlandschaft. Es war, als habe er auf sie gewartet. Nie zuvor hatte Fatemeh einen derart großen Hund gesehen. Unter der Schmutzschicht erkannte sie sein weißes, ausgefranstes Fell.