Aufbruch

-Auszug-

***

"Möchtest du noch etwas Tee?"

Die Kanne in der Hand blickte Anne abwartend auf die Tageszeitung. Sehen konnte sie ihren Mann nicht, nur das Rascheln hin und wieder ließ darauf schließen, dass er wieder einen Abschnitt gelesen hatte. Sekunden vergingen. Sie räusperte sich. Dieter hielt im Lesen inne, guckte über den Rand der Zeitung, nickte. Bereitwillig goss sie die dampfende Flüssigkeit in die hauchdünne Tasse, während er die Zeitung beiseite legte und mit einer Papierserviette Reste von Brombeermarmelade von den Mundwinkeln tupfte. Wie immer tat er zwei Stückchen Kandiszucker in den Tee. Anne lauschte dem leisen Knistern, als der Kandiszucker die heiße Flüssigkeit berührte. Dieter führte die Tasse zum Mund, nippte, verzog das Gesicht.

"Der Tee ist heiß!"

"So?"

Anne war gekränkt, glaubte sie doch, einen Vorwurf herauszuhören. Bereits vor dem Frühstück hatte er seinem Unmut Luft gemacht, als sie mit Flüssigreiniger den sandfarbenen Steinfußboden gewischt hatte. Warum sie nicht klares Wasser nehme, hatte er gemahnt. Ob sie nicht wisse, dass biologisch nicht abbaubare Substanzen das Grundwasser belasteten? Anne hatte dazu geschwiegen.

Bei Diskussionen mit Dieter zog sie meistens den Kürzeren, weil sie emotional, er aber sachlich begründet argumentierte. Dabei ärgerte sie am meisten, dass er sich nunmehr in Bereiche einmischte, von denen er nichts verstand. Oder war Dieter etwa wie sie in der Lage, bei direkter Sonneneinstrahlung Fenster zu putzen, ohne Schlieren zu hinterlassen?

Anne seufzte. Sie griff nach einem Tuch, um die mit Nutella beschmierten Finger ihres Zweijährigen abzuwischen. Wieder nahm sie sich fest vor, ihren Plan, den sie in Gedanken schon lange mit sich herumtrug, in die Tat umzusetzen. Schluss mit dem belächelten Nur-Mutter und Hausfrauendasein, das niemand, am wenigsten der eigene Ehemann, zu würdigen wusste. Anne erwartete zwar keinen Dank, aber zumindest sollte Dieter sie mit seinen Nörgeleien in Ruhe lassen. Das hatte sie nicht verdient!

Verstimmt nahm sie ein zweites Brötchen und bestrich es mit Butter. Eigentlich war sie satt, aber manchmal aß sie aus Frust - so wie jetzt.

Dieter sah sie missbilligend an.

"Ist was?", fragte Anne angespannt.

"Nein", antwortete Dieter beiläufig, während er die Zeitung umblätterte. "Ich finde nur, dass du zugenommen hast."